Die Tracht im Grabfeld und ihre historischen Quellen

Entwicklung im 19. Jahrhundert – Erneuerung im 20. Jahrhundert
                                Von Christiane Landgtraf


Die Kleidung der hiesigen Bevölkerung ist von der Art, dass sie mehr als hinreichend Schutz gegen Nässe und Kälte gewährt. Dieselbe besteht beim männlichen Geschlecht aus einer kurzen Jacke oder einem Rocke aus Wollentuch von gewöhlich blauer oder dunkler Farbe, einer tuchernen  Weste, tuchernen oder gelbledernen Beinkleidern, wollenen Strümpfen und Schuhen oder Stiefeln. Zur Bleckung des Kopfes dient eine Kappe oder ein Filzhut. Die sog. Dreispitze tragen nur noch die älteren Leute und man sieht sie daher immer seltener. Die Kleidung des weiblichen Geschlechts besteht ebenfalls aus wollenen Röcken und einem Leibchen sowie aus tuchernen oder zitzenen Mützen und einer Schürze aus Leinwand oder Zitz.(1) Und weiter: “Die gewöhnliche Kopfbedeckung ist eine Zipfelhaube mit breitem schwarzen Bändern und Seide, statt deren man öfters auch nur farbiges Tuch sieht, das unter dem Kinn zusammengebunden ist. Zur Bekleidung er Füße trägt man Strümpfe aus Wolle oder Garn und Schuhe“. (2) So beschreibt der Bezirksarzt Dr. Friedrich Karl Philipp Medicus 1859/60 in seinem Physikatsbericht für Könighofen die Kleidungsweise der Bewohner des Grabfeldes, die sich in ihren Grundformen bis zu diesem Zeitpunkt im Wesentlichen nicht von der in anderen unterfränkischen Gebieten landwirtschaftlicher Prägung unterschied.
Das Grabfeld im Nordosten des Regierungsbezirkes Unterfranken ist auf Grund seiner naturgeografischen Gegebenheiten, nämlich der Lage in einem weiten Becken mit Lößböden über Keuperschichten seit alters her fruchtbares Ackerbauland. Noch Mitte es 19. Jahrhunderts war die nahezu ausschließliche Erwerbsgrundlage eine leistungsstarke und fortschrittliche  Landwirtschaft, die der Bevölkerung einen gewissen Wohlstand ermöglichte, der sich u.a. auch auf die Kleidungsgewohnheiten auswirkte.
Mit dem Niedergang der feudalen Gesellschaftsordnung waren Ende des 18.Jahrhunderts die alten Kleiderordnungen aufgehoben worden, und es bildeten sich die zunächst überwiegend von einer dörflichen Oberschicht gestalteten, heute als „Trachten“ bezeichneten Kleidungsformen der ländlichen Bevölkerung heraus. Parallel dazu entstanden in den Städten gleichzeitig die bürgerlichen Modestile.
Diese Entwicklung zeigt sich auch im Grabfeldgau mit Königshofen als seinem wirtschaftlichen Mittelpunkt. Bedingt durch die enorme Leistungssteigerung in der Landwirtschaft blühten Handel und Gewerbe seit Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend auf, so dass die Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg 1862 festhalten konnte: „dass Königshofen zu den reicheren Gegenden Unterfrankens gehöre.“ (3) Zudem entsprach dem wirtschaftlichen Aufschwung auch ein reiches Marktleben in den Marktorten der Region um Bad Königshofen. Gleichzeitig und in Folge der positiven Wirtschaftslage kam es – wie in anderen als wohlhabender geltenden Gebieten Unterfrankens – neben der Entfaltung der als Trachten begriffenen Kleidungsweisen – zu einer Weiterentwicklung und zunehmenden Verbreitung der bürgerlich-modischen Kleidungsstile, die von den vermögenderen, kleinstädtischen und ebenso den gehobenen, ländlichen Gesellschaftsschichten angenommen wurden.
In seinem Physikatsbericht von 1859/60 über Königshofen weist auch Dr. Medicus deutlich auf diesen Wandel der Kleidungskultur hin: „Im Allgemeinen wird in der Kleidung die gegenwärtige herrschende Mode sowohl vom männlichen als auch vom weiblichen Geschlecht immer mehr nachzuahmen gesucht und es ist daher keine Seltenheit mehr, dass wenigstens die vermögenden Klassen des weiblichen Geschlechts beim sonntäglichen Auszuge mit einem zierlichen mit Blumen und Bändern verzierten Häubchen, und Kleid aus Seide oder wollenem Stoffe, einem langen Halstuch, einer Mantille oder tuchenem Mantel, je nach der Jahreszeit antrifft.
Eine Ausnahme von der herrschenden Mode macht dagegen das weibliche Geschlecht in den Ortschaften längs des Milzflusses, das sich durch alterthümliche Kleidung, von allen Bewohnern des Bezirkes auszeichnet.“ (4)
Ähnlich anderen wirtschaftlich florierenden Gegenden war für die weitere Entwicklung und den Wandel der als Trachten verstandenen Kleidungsarten der länglich-bäuerlichen Bevölkerung im Grabfeld das wachsende Angebot verschiedenster Stoffqualitäten einer aufstrebenden und expandierenden Textilindustrie im Laufe des 19. Jahrhundert nicht unwesentlich. Durch den gesellschaftspolitischen und bewußtseinsmäßigen Umbruch der Französischen Revolution und die von Napoleon initiierten modischen Anregungen waren schließlich erst entscheidende Voraussetzungen für die Verarbeitung kostbarer Seiden, Samte, Brokat- und Wollstoffe in den Trachten des 19. Jahrhunderts geschaffen worden. Maßgeblich für die Ausprägung eines regionalen Trachtenstils waren jedoch auch im Grabfeld die Bemühungen der Obrigkeit um die Tracht. Es lag im Interesse des bayerischen Königshauses in Zusammenarbeit mit Gelehrten und Künstlern bei der Bevölkerung ein Nationalgefühl und in Konsequenz auch ein Regionalbewusstsein zu entwickeln und zu stärken. Bei diesen Anstrengungen spielten die Trachten, die vor allem bei öffentlichrepräsentativen und folkloristischen Anlässen getragen werden sollten und wurden, eine wichtige Rolle. Im allgemeinen wiesen diese „Einflüsse der spanischen Tracht des 16. Jahrhunderts, der (höfischen) Barock- und Rokokomode ebenso auf wie die zeitgenössischer Modeströmungen. Dabei wurden aber niemals die Vorbilder einfach kopiert, sonder nur einzelne Bestandteile umgewandelt und angepasst übernommen“. (5) Dies gilt auch für die Grabfeld-Region, wobei die Trachten in den verschiedenen Ortschaften in Ausarbeitung und Details variierten, sich in ihrer Grundform jedoch kaum unterschieden.
Ausschlaggebend für die Weiterentwicklung der Trachten im Grabfeld waren seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts die von Valentin Hummel (1813-1882) und Peter Geist (1816-1867) geschaffenen Trachtenbilder.
Der Maler, Lithograph und Poet Valentin Hummel aus Königshofen hatte 1852 im Eigenverlag ein Bilderbuch zum Andenken an das im gleichen Jahr in Königshofen abgehaltene landwirtschaftliche Bezirksfest herausgegeben mit dem Titel: „Die altherkömmlichen Trachten des Grabfeld-Gaues zur Erinnerung an das landwirtschaftliche Bezirks-Fest am 12ten September 1852 zu Königshofen im Grabfeld. “Das Büchlein umfasst neben mehreren Abbildungen von Festwägen 37 Lithografien von Personen in bürgerlichen und ländlichen Trachten der Region. Seit der Gründung des „Landwirtschaftlichen Vereines“ im Jahre 1809 wurde die Abhaltung landwirtschaftlicher Feste zur „Beförderung der praktischen Landwirtschaft und der damit näher in Verbindung stehenden Gewerbe im Vaterland Bayern“ (6) von staatlicher Seite unterstützt. Wichtigster Veranstaltungsteil dieser Landwirtschaftsfeste war jeweils ein Festzug: „Diese Festzüge wurden von lokalen Künstlern arrangiert und führten auf geschmückten Festwagen Szenen landwirtschaftlicher und handwerklicher Arbeit sowie ländlichen Lebens vor. Sie boten Bilder, die sich aus klischeehaften Versatzstücken zusammensetzten und darum keinen Anspruch auf realistische Wiedergabe von Arbeit und Alltag der Bevölkerung erheben konnten und wollten. Auch die vielfältigen und farbenprächtigen Trachten der Darsteller dienten deshalb vor allem dem Zweck eines malerischen Reizes innerhalb der Vorführungen.“ (7) So sind auch die Trachtenbilder des Valentin Hummel in diesen Kontext einzuordnen, zumal dieser die entstandenen Unkosten für seine Arbeiten dem landwirtschaftlichen Bezirks-Comite` am 3.4.1853 in Rechnung gestellt hat, wie Reinhard  Worschech in seinem Vorwort zur Wiederauflage  des Trachtenbüchleins von 1981 festhält. Hummel skizzierte insgesamt 22 Frauchentrachten und 15 Männertrachten, die die Orte Königshofen, Merkershausen, Sulzfeld, Klein- und Graßbardorf, Klein- und Großeibstadt, Althausen, Unter- und Obereßfeld, Aub, Gabolshausen, Sulzdorf, Saal, Wülfershausen, Aubstadt, Höchheim Gollmuthhausen, Rothhausen, Irmelshausen repräsentieren. Außerdem zeigt eine Zeichnung, ein Mennoniten-Paar des Grabfelds das auf Grund seiner kalvinistisch geprägten Konfession, eine strenge, dunkle Kleidung trägt.
Bemerkenswert bei den Hummelschen Darstellungen ist auch die Variantenvielfalt der Trachten einzelner Orte der Region. Offensichtlich taten sich verschiedene Dörfer wie z.B. Saal, Wülfershausen oder Sulzdorf gerade zu dieser Zeit besonders in ihren Bemühungen um die Tracht hervor. Ebenso hat Valentin Hummel nicht vergessen, die modisch orientierten, bürgerlichen Trachtenformen zu zeichnen, die in der Kleinstadt Königshofen verbreitet waren und sich fortan auch im Umland mehr und mehr durchsetzen sollten.
Größere Bedeutung als die Lithografien des Königshöfer Künstlers Hummel erlangten die Trachtenaquarelle des in Würzburg ansässigen Malers Peter Geist, dessen Bilder seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts insbesondere für das Grabfeld die weitere Entwicklung der ländlich-bäuerlichen Tracht maßgeblich beeinflusst haben und gerade heute wieder bei Trachtenerneuerungsmaßnahmen prägen.
Der 1816 geborene Peter Geist entstammte der bekannten, gleichnamigen, fränkischen Künstlerfamilie und hatte schon in früher Jugend zu zeichnen und zu malen begonnen. Nach einer kärglichen Kindheit in seinem Geburtsort Volkach war er schon als 12-jähriger zusammen mit seinem jüngeren Bruder Sebastian nach Wien gereist, wo er nach einer Lackiererlehre die Akademie der Bildenden Künste besuchte und bei dem Historienmaler Joseph Müller Zeichenunterricht nahm. “Diese Wiener Zeit hat Peter Geists Schaffen grundlegend geprägt. Seit Beginn des 19.Jahrhunderts ist Wien für viele fränkische Maler das Ziel ihrer Sehnsüchte und Wünsche geworden. Für Peter Geist war vor allem Margarethe Geiger mit ihren Aquarell-Trachtendarstellungen wegweisend und Vorbild“. (8) Aus Wien zurückgekehrt, verbrachte Peter Geist sein weiteres Leben – mit Ausnahme zweier Wanderjahre – in Würzburg. Er genoss bereits seit 1848 ein recht hohes Ansehen als talentierter Künstler und war ein geschätztes Mitglied des Kunstvereins. In den 1850er Jahren wandte er sich zunehmend der Kirchenmalerei zu, die ihm zu einem gewissen Wohlstand verhalf. Zudem kannte er seine Existenz finanziell absichern durch eine Tätigkeit als Zeichenlehrer im Mederschen Erziehungs- und Handelsinstitut, die er neben der Malerei bis zu seinem Tode 1867 ausübte.
Die Aquarelle, Grafiken und Ölgemälde, auf denen Peter Geist unterfränkische Trachten darstellte, heben sich aus seinem Gesamtwerk heraus. Die Trachtenskizzen dienten zunächst wohl lediglich als vorarbeiten zu verschiedenen Ölgemälden. So erschienen die Figuren aus dem Schweinfurter Raum und dem Ochsenfurter Gau z.B. auf den Bildern: „Marienkapelle und Marktplatz in Würzburg um 1845“ (zwischen 1845 und 1848 als Auftragswerk entstanden) und „ Einzug der Reichsverweser im Jahre 1848“, aber auch auf den Lihografien „Bauernhochzeit“, „Heimkehr der Schnitter“ und „Heimkehr von der Kirchweih“. Die Veröffentlichung der Aquarelle mit Trachttragenden als Motiv verdanken wir dem Vorsitzenden des Polytechnischen Vereins zu Würzburg“ Leofried Adelmann, der im eigenen Verlag für den damals engagierten Verein „zur Begründung eines Reisestipendienfonds für würdige Zöglinge der Schulen des polytechnischen Vereins zu Würzburg“ 1856 die langfristig geplante Sammlung für Gesamtbayern herausgeben wollte. So erschien ein erstes Heft mit dem Titel: „Bayerische Trachten. Unterfranken“, das auf 18 Blättern Abbildungen unterfränkischer Trachten von Peter Geist darbietet. Das groß angelegte Verlagsprojekt wurde jedoch bereits nach zwei Jahren mit der Publikation des 2. Heftes: „Mittelfranken“ wieder eingestellt.
Das Werk Peter Geists umfasst insgesamt 32, 1852 datierte Trachtenaquarelle, die endlich 1982 erstmals komplett, ergänzt durch ein Gleitwort und unter der Federführung des damaligen Bezirksheimatpflegers von Unterfranken, Dr. Reinhard Worschech, vom Franconica-Verlag Bad Königshofen/Würzburg als Trachtenmappe herausgebracht werden konnten.
Für die heutige Trachtenpflege in Unterfranken noch immer eine unersetzlich-wertvolle Quelle, zeigt die Mappe 9 Figuren aus dem Ochsenfurter Gau, 4 aus dem Schweinfurter Raum, 2 aus der Rhön sowie 17 unterschiedliche Trachtenabbildungen aus dem Grabfeld. In Charakter und Technik entsprechen die Bilder ganz dem biedermeierlichen Zeitgeist und Kunstverständnis, also der Epoche ihrer Entstehung und sind daher als entfernt von sachgerechter, genauer Dokumentation einzuordnen. Die seit Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzende Lust zur Darstellung des volkstümlichen Lebens und die Freude an formalem und farbigem Reiz stand  bei der Ausführung im Vordergrund. Die Trachtenbilder lassen darüber hinaus auch das Vorbild von Peter Geist erkennen: die Malerin Margarethe Geier, deren Trachtenaquarelle 1808 in Wien veröffentlicht worden waren. (9)Bei Vergleich wird deutlich dass Geist die beiden Trachten aus Stangenroth ziemlich genau von der Vorlage Geigers übernommen hat. Die 17 Figuren (13 Frauen- und 4 Männergestalten) aus dem Saaletal bzw. dem Grabfeld sollen die typisch-festtägliche, ländliche Kleidungsweise in den Orten Saal, Wülfershausen, Gabolshausen, Unter- und Obereßfeld, Sulzdorf, Irmelshausen sowie die bürgerliche Art in der Kleinstadt Köngishofen veranschaulichen.
Seit Beginn der 1980er Jahre wurde in der Trachtenforschung die Frage diskutiert, ob Valentin Hummel die künstlerisch ausgereifteren Bilder Peter Geists als Vorlagen für seine z.T. vom Motiv her identischen Darstellungen benutzte oder ob es sich umgekehrt verhielt. Auf Grund detaillierter Studien und Gegenüberstellungen konnte Reinhard Worschech insbesondere im Rahmen einer Zulassungsarbeit (10) überzeugende Argumente für die These herausarbeiten, dass Peter Geist – gleichermaßen wie bei seinen Stangenrother Trachtträgern als ihm die Geigerschen Bilder Anregung gaben – vielmehr „das Erinnerungsbüchlein von Hummel parat hatte und diese Bilder z.T. als genaue Vorlage zur Hand nahm“.(11)
Die Grundformen der Grabfeldtrachten nach den Aquarellen von Peter Geist wurden von Otto Schulz schon 1972 beschrieben. Demnach war allen Männern in Tracht gemeinsam, dass diese „einen langen, zweireihigen Rock, den Mutzen mit fliegenden Schößen trugen, während die Burschen statt des Mutzen mit einer Weste bekleidet waren. Die Weste konnte einen zweifachen Schnitt aufweisen, entweder lang herabreichend und mit einreihigen, silbernen Knöpfen versehen, oder kurz mit zweireihigen Knöpfen und doppelten, silbernen Uhrketten. Nie fehlte das schwarzseidene Halstuch in einen breiten Knoten geschlungen und darüber der weiße Hemdkragen … Die Schuhe waren aus kräftigem Leder mit runden oder viereckigen Schnallen, teils aus Messing, teils aus Silber … Die Kniehosen mit Bändern befestigt, waren beim Bräutigam etwas geschlitzt und mit Metallknöpfen besetzt. Stets mussten die Hosen mit den langen, gerippten Str4ümpfen im richtigen Farbkontrast stehen. Die ganze Tracht schloß ab mit dem Dreispitz aus schwarzem Filz… Neben dem Dreispitz trug man auch die verbrämte Pelzkappe… Bei der weiblichen Tracht sind die tuchene Jacke, ebenfalls Mutzen genannt, das seidenbefranste Halstuch, das in zwei Zipfeln den Rücken hinabhing zu nennen und die gerundete Bandhaube. Die seidene, einfarbige Schürze verdeckt fast ganz den langen Rock. Wenig sichtbar sind die weißen Strümpfe, die in zierlichen Schnallschuhen stecken“(12)

Obwohl gerade im landwirtschaftlich geprägten Grabfeld die Anstrengungen um die Erhaltung traditioneller Kleidungskultur nicht zuletzt durch die Herausgabe der Trachtendarstellungen von Hummel und Geist sowie durch Trachtenrepräsentation bei öffentlichen, folkloristischen Festveranstaltungen in der Region im Verlauf des 19. Jahrhunderts besonders intensiv betrieben worden waren, konnte selbst dort nicht verhindert werden, dass sich die modisch geprägten, städtisch-bürgerlichen Kleidungsformen in allen Kreisen der Bevölkerung spätestens im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts endgültig durchgesetzt hatten. Erst seit der Mitte der 1950erJahre kam es auch im Grabfelde im Zuge einer allgemeinen, großangelegten Trachtenerneuerungswelle zu einem Neuansatz in den Bemühungen um die Tracht. Hauptträger der Trachtenerneuerung waren damals neben Einzelpersonen und Trachtengruppen hauptsächlich der Bauernverband, die Landwirtschaftsämter, Landwirtschaftsschulen, Landjugendgruppen, Heimatvereine u.a. Mit Hilfe verschiedener Trachtenmappen und unter Anleitung von Trachtenschneiderinnen nähten die Mädchen in Kursen und Landwirtschafsschulen neu gestaltete Trachten, die von den überlieferten Formen weit entfernt waren und sich vor allem durch Einfachheit und Zweckmäßigkeit auszeichneten. In der Absicht, Bauern- und Dorfkultur zeitgemäß geformt neu erstehen zu lassen, wurden das Lied, der Tanz, das Spiel, verschiedene Bräuche gepflegt und belebt, wobei die erneuerte Tracht eine wesentliche Rolle spielen sollte. Nachdem vorwiegend dem Bauernstand zu dieser Zeit die Trachtenpflege oblag, wählte man die Bezeichnung „bäuerliches Kleid“ für die erneuerte Tracht. Da sich dieses auf Dauer jedoch nicht durchsetzte, die Struktur der fränkischen Dörfer sich seit den Nachkriegsjahren dahingehend gewandelt hatte, dass der bäuerliche Anteil der Bevölkerung schon weit unter 20% betrug, die Bauern auch nicht mehr als solche kenntlich erscheinen wollten, und zur Landjugend inzwischen auch nichtbäuerliche Burschen und Mädchen gehörten, entwickelte man nun aus dem bäuerlichen das „ländliche Kleid“ im Gegensatz zum „städtischen Kleide“. Die Trachtenpflege war somit zu der Auffassung gelangt, dass Tracht keine Angelegenheit nur eines Standes sein dürfe. Weitere Trachtenerneuerungen der 1960er Jahre führten in Folge schließlich dazu, dass nur noch auf die allgemeinen Grundformen von Trachten zurückgegriffen wurde. Der nächste Schritt: die Schaffung des „heimatlichen Kleides“ war nun nicht mehr weit. Begründet dadurch, dass sich Stadt und Land stetig aufeinander zu entwickelten, die Unterschiede immer geringer wurden, heilt es die damalige Heimatpflege unter Bezirksheimatpfleger Dr. Andreas Pampuch für notwendig, ihre Anstrengungen um die Erhaltung und Erneuerung der Tracht – neben Musik, Lied und Tanz – als wesentlicher Teil der Volkskultur auch auf die Stadt auszudehnen. Als Zielsetzung galt derzeit, alle diejenigen zu erfassen, „die sich noch um die Heimat und ihre Werte mühen, und schaffen mit der erneuerten Tracht ein „heimatliches Kleid“ das alle, ob aus der Stadt oder vom Land, tragen und weiterentwickeln sollen. Wir verlassen mit sorge den Bereich des „Ländlichen“,  das doch seine besonderen Aufgaben im natürlichen Spannungsfeld zum „Städtischen“ hat, und prägen die neue form des „Heimatlichen“.“(13)
Der von Pampuch eingeschlagene Weg der Trachtenerneuerung findet im Grabfeld Resonanz, nachdem Schulz 1972 feststellt: „Ist auch von der alten Volkstracht im Grabfeld kaum etwas übriggeblieben, so bahnt sich besonders bei den heimischen Musikkapellen eine Vorliebe für die erneuerte fränkische Tracht an“(14)
Da die stark vereinfachten, erneuerten Trachten in Schnitt, Verarbeitung und Materialien nur wenig mit überlieferten Kleidungsteilen aus der Region gemein hatten, die Trageigenschaften wegen der verarbeiteten, meist schweren Stoffarten nicht angenehm waren, kannte sich diese Kleidungsweise auf Dauer nicht durchsetzen. Daher und im rahmen vertiefter Trachtenforschung hat sich sei den 1980er Jahren die Art und Weise der Trachtenerneuerung wiederum gewandelt: man begann die tracht bei der Neuanschaffung für Gruppen mit hohen Aufwand und großem Erfolg unter gleichzeitiger Berücksichtigung von Tradierten Formen und aktuellen Bedürfnissen zu gestalten. Dabei wurde allerdings der Schwerpunkt meist auf festlich-reräsentative Kleidung für Auftritte und Vereinsleben gelegt. Viel seltener spielten – und spielen noch heute – Werktags- und Arbeitskleidung eine Rolle.
„Das Ziel jeder Erneuerung einer tracht sollte sein, dem landschaflichen Charakter zu entsprechen, auf überlieferte Farben, Stoffarten und –muster  aufzubauen und dennoch praktisch und zeitentsprechend zu sein. „15) So definierte der vormalige, bis 1999 amtierende Bezirksheimatpfleger von Unterfranken, Dr. Reinhard Worschech die aktuelle Ausrichtung der Trachtenerneuerung, die gerade im Grabfeld vor allem in den letzten 15 Jahren großen Anklang fand. Zahlreiche Musikkapellen, Gesangsvereine, Tanzgruppen, Landfrauenverbände etc. In den Orten Bad Königshofen, Großbardorf, Ausleben, Rothausen, Höchheim, Irmelshausen, Aubstadt, Aub und Bondorf, Trappstadt, Merkershausen, Ober- und Untereßfeld, Herbstadt, Gabolshausen, Sulzfeld, Sternberg, Zimmerau, Groß- und Kleineibstadt, zuletzt 1999 der Musikverein Leinach, die Landfrauengruppe Wülfershausen und die Vereinsgemeinschaft Eyershausen entschieden sich für eine entsprechend ausgeführte, erneuerte Tracht.
Wichtiges Kriterium bei der Gestaltung der Tracht war für diese Gruppen wieder eine eindeutige regionale Zuordnung ihres Kleides. Die als vorlagen benutzen Quellen wie alte Originalteile und Fotos wurden in der näheren Umgebung der Orte, in denen die Gruppen beheimatet sind, gesucht und kritisch eingeordnet. Leider erwies sich die seither angestrengte Recherche nach überlieferter Kreidung und alten Bildern im Privatbesitz und in den Museen des Grabfelds als nicht sehr ergiebig, so dass hier noch weitere intensivere Anstrengungen seitens der Trachtenpflege unternommen werden müssen.
Daher dienten bei der Neuanschaffung von Trachten als wesentliche Bildquellen wiederum neben den Trachtenskizzen des Valentin Hummel die farbigen, sorgfältiger ausgearbeiteten Aquarelle des Peter Geist, wobei man durchaus auf Rekonstruktion der abgebildeten Kleidungsweise verzichtete und sich im Abgleich mit den anderen verfügbaren Vorlagen auf die Übernahme von als charakteristisch einzuordnenden Elementen konzentrierte. Bei den zuletzt begonnen Trachtenbeschaffungsmaßnahmen versuchte man außerdem auf die früher überall und zu jeder Zeit vorhandene große  formen- und Farbenvielfalt Bezug zu nehmen. Die Träger und Trägerinnen konnten so ihren ganz persönlichen Geschmack bei der Fertigung der Trachten mit einbringen. Ob dadurch der Weg dahingehend geebnet wird, dass die Tracht nicht mehr nur in der Gruppe, sondern auch als persönliches kleid getragen wird, kann sich erst in der Zukunft weisen. Jedenfalls zeigt sich, dass sich gerade im Grabfeld mit der derzeit praktizierten Art und Weise der Trachtenerneuerung die Vorstellungen der Trachtenpflege, Vereinsinteressen und Repräsentationswünsche durchaus mit den vielfältigen Bedürfnissen derer, die eine solche Tracht tragen, im Einklang bringen lassen.

Anmerkungen
(1)Stoffart: Chintz, in Deutschland Zitz genannt: einseitig gewachstes
      und bedrucktes Gewebe aus Baumwolle in Leinwandbindung
      (engl. Chintz, von Hindi chint: bunt oder gefleckt).

(2)Reder, Klaus/Albert, Reinhold: Rhön und Grabfeld im Spiegel der
      Beschreiungen der Bezirksärzte Mitte des 19.Jahrhunderts. (=Heft
      8, Schriftenreihe des Vereins  für Heimatgeschichte im Grabfeld
      e.V. u. Band 58, Veröffentlichungen zur Volkskunde und
      Kulturgeschichte, hg. V. Wolfgang Brückner und Lenz
      Kriss-Rettenbeck). Würzburg 1995, S. 120/121

(3)Lamping, Heinrich: Der Landkreis Königshofen i.Gr. in seiner
geographischen Entwicklung. In: Landkreis Königshofen im
Grabfeld. München / Assling (Verlag für Behörden und Wirt-
Schaft R. Alfred Hoeppner) 1972, S. 11

(4)Vgl. Anmerkung 2, S. 121

(5) Moritz, Martina: Trachten machen Leute. Ländliche Kleidungsstile
      Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert (=Volkskunde Populär 2)
      Hg. V. Museum für Thüringer Volkskunde. Erfurt 1997, S.5

(6) Fritsch, Regina Landwirtschaftliche Feste in Unterfranken. In
Fränkisches Volksleben. Wunschbilder und Wirklichkeit. Möbel –
Keramik – Textil in Unterfranken 1814 bis 1914. Würzburg
(Echter-Verlag) 1985,S.55

(7)Vgl. Anmerkung 6, S. 56/57

    (8)  Worschech, Reinhard. Trachten aus Franken. (Trachtenmappe).
          32 Einzelblätter in Originalgröße von Peter Geist (1816-1867).
          Bad Königshofen/Würzburg 1982, S. 4.
(8)Geiger, Margarethe: Costumes im Würzburgischen.  Wien
(Artaria u. Co.) o.J.(1808)

    (10) Zimmermann, Peter: Peter Geist und Valentin Hummel - zwei
           fränkische Trachtenmaler des19.Jahrhunderts.(=Zulassungsarbeit
           für das Lehramt an Realschulen, Universität Würzburg).
           Würzburg 1987

    (11) Vgl. Anmerkung 8, S. 10

    (12) Schulz, Otto: Trachten, Mundart, Volkslied und Bräuche im
           Grabfeld. In: Landkreis Königshofen im Grabfeld.      
           München / Assling  (Verlag für Behörden und Wirtschaft R. Alfred
           Hoeppner) 1972, S. 110/111.

    (13) Pampuch, Andreas: Erneuerte  bayerische Trachten mit
           besonderer Berücksichtigung der unterfränkischen
           Trachtenerneuerung. (Trachtenmappe). Würzburg 1966, S.6.

    (14) Vgl. Anmerkung 12, S. 111

    (15) Worschech, Reinhard: Trachten in Bayern. Unterfranken. Hg. v.
            Bezirk Unterfranken in Verbindung mit dem Bayer. Landesverein
            für Heimatpflege e.V.).Würzburg (Echter-Verlag)1982, S. 43