So war es früher

 

                         B r a u t a g

 

Wir gehen zurück in die Zeit zwischen 1950 und 1953 in Eyershausen, meinem kleinen Heimatdorf in Nord-Ost-Bayern, einem Ortsteil von Bad Königshofen.

Zu dieser Zeit lebten ca. 680 Leute hier (250 mehr als heute), denn nach dem 2. Weltkrieg waren viele Vertriebene aus dem Sudentenland, Ostpreußen und auch einige ausgebombte Familien aus dem Rheinland in unserem Dorf aufgenommen worden. Fast jedes Haus hatte Zimmer für diese Leute bereitgestellt, die mit fast nichts hier ankamen; zu zweit in einem Bett schlafen mussten und oft auf die Barmherzigkeit der Bauern angewiesen waren, bei denen sie dafür auf dem Bauernhof oder auf dem Feld mitarbeiten mussten, um mit ihren Kindern zu überleben.

Es gab nicht, sehr viele große Bauern, eher kleine Höfe mit Pferd oder 2 Kühen, ein paar Hühnern, 2 Schweinen. Mancher hatte auch ein paar Ziegen, wegen der Milch und der Butter, einige Stallhasen, vielleicht ein paar Gänse oder Enten. Oft waren es auch kleine Nebenerwerbsbauern, weil sie noch eine Schreinerei, einen Kaufladen, eine Sattlerei, Schusterei, Schmiede, Schneiderei, Büttnerwerkstatt, Posthalterei oder ein Wirtshaus besaßen.

Es gab viele Kinder im Ort, die in Haus und Hof mithelfen mussten oder zusammen auf der Straße spielten, mit Kreiseln, Tonkugeln, Stöcken, Blättern. Im Mühlgraben oder Eilgraben wurden Fischchen gefangen, auf den Kleeäckern Feldsalat gesucht, Hagebutten für Marmelade, Schleen für Wein gepflückt, Gänse gehütet und im Winter mit Holzschlitten gerodelt.

Aber jeder Hof hatte ein sogenanntes Braurecht, was auch bis ca. 1960 genutzt wurde. Und deshalb war schon 1878 das Brauhaus mit Steinen aus dem hiesigen Steinbruch gebaut worden.

1870 war die Gemeindegaststätte mit den gleichen Steinen errichtet worden. Beide Gebäude gibt es heute noch. In diesem Brauhaus wurde in der kühlen Jahreszeit etwa im Februar und im Oktober aus Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe ein schmack- und nahrhafter "Haustrunk" gebraut.

Das Brauhaus hatte und hat einen eigenen, gemauerten Brunnen, 8 Meter tief, mit ca. 3 Meter Durchmesser. Bei Braubeginn mussten zunächst 35 cbm Wasser für das spätere Bier, mit einer Schwengelpumpe (später elektrisch) hochgepumpt werden. Dann wurde die Braugerste mit Wasser eingemeischt, damit die Gerste keimte. Nach einigen Tagen wurde sie dann auf Rosten über Feuer getrocknet, geschrotet und anschließend mit Wasser und Hopfen in einem großen kupfernen Sudkessel ca. 2 Stunden gekocht.

Nach dem Abkühlen in einem Abkühlbecken wurde das "Fast-Bier" mit Hefe versetzt und musste in einem großen Bottich 4-5 Tage gären. Dann war das B I E R endlich fertig; wurde von 2 Männern in Tragebutten geschöpft und dann, meistens von Frauen, nach Hause in die Fässer im Keller gebracht. Man musste sehr langsam und vorsichtig gehen, sonst hatte man gleich eine Ladung von dem frischen Bier im Genick und im Rücken. (Eine Butte fasste ca 30 Liter, wurde auf dem Rücken getragen und sah ungefähr wie ein hoher, gequetschter, flacher Wassereimer aus).

Nun waren im Ort auch einige Bauern, die keinen eigenen Keller unterm Haus hatten, weil sie zu nahe am Mühlbach wohnten und der Keller sonst unter Wasser gestanden hätte. Für diese gab es dann eine Ecke für Kartoffeln, Rüben und das Bierfass im Gemeindekeller unterm großen Lindenbaum in der Dorfmitte. Zu diesen Leuten gehörten auch meine Großeltern und so kam es wie es kommen musste.

Eines Tages, nachdem ich mit meiner Mutter oder Großmutter schon öfters Bier im Gewölbekeller geholt hatte, zündete mein Großvater eine Laterne mit einem Stearinlicht an, (Stearin wurde aus Tierfett und Knochen mit Natronlauge zu einer wachsähnlichen Masse verkocht, um Kerzen herzustellen) drückte mir die 2 Liter Milchkanne in die Hände und schickte mich los, Bier aus seinem Fass im Gemeindekeller zu holen. (Ich war damals ca. 7-8 Jahre alt). Ich hatte fürchterliche Angst vor diesem Gang in den Keller, fühlte mich aber wegen des großen Vertrauens meiner Großeltern sehr geehrt und schon etwas erwachsen. Mein Herz klopfte bis zum Hals, als ich mich auf den Weg machte; denn es gab da Mäuse, Spinnen, vielleicht Ratten und außerdem war es stockdunkel drinnen. Die alte Holztür knatterte fürchterlich beim öffnen und man musste sofort einen größeren Stein, der immer bereit lag, vor die Tür legen, damit sie nicht zufallen konnte und dadurch wenigsten etwas Tageslicht in den dunklen Abgang fiel. Mich grauste es sehr, unzählig viele große verstaubte Spinnnetze hingen in den Ecken und zwischen den grauen Steinen. So schnell wie möglich steuerte ich mit meiner Kanne auf Opas Bierfass zu, öffnete den Hahn. Schnell war sie vollgegluckert. N i x  w i e  r a u s  !!!!. Ich rollte den Stein vor der Tür zur Seite, sie flog krachend zu, ich war erlöst.

Jetzt hatte ich mir erst einmal einen großen Schluck verdient. Setzte die Laterme ab und die Bierkanne an. Glücklich bei Oma angekommen fragte sie, wieso hast du sie nicht vollgemacht ?.  Ich hatte so einen Durst und da hab`ich erst einmal getrunken. Und der Haustrunk hatte auch damals schon ungefähr 5 % Alkohol!

So war das früher.

Erika Jeger, Bad Königshofen-Eyershausen im Dezember 2012.                                                                  Historische Daten und Details, Othmar Werner, Eyershausen